TETRA — die BOS-Digital-Migration 2007 bis 2025
Die deutsche BOS-Digital-Funk-Welle von der ersten TETRA-Vergabe 2006 bis zum Abschluss der bundesweiten Migration 2025.
TETRA — die BOS-Digital-Migration 2007 bis 2025
Im Mai 2025 hat die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben den Abschluss der bundesweiten TETRA-Migration vermeldet. Damit endet eine knapp zwei Jahrzehnte währende Großbaustelle, die das Funk-Bild deutscher Polizei-, Feuerwehr- und Rettungs-Einsätze tiefgreifend verändert hat. Wer den langen Weg vom analogen 4-Meter-Band zur digital verschlüsselten Trunked-Infrastruktur nachzeichnen will, beginnt am besten in den 1950ern — und endet beim Streit um TEA-Verschlüsselung der frühen 2020er.
Die analoge Vor-Geschichte
Die Behörden- und Organisations-Funk-Landschaft der Bundesrepublik fußte über Jahrzehnte auf zwei Bändern: dem 4-Meter-Band zwischen 74 und 87 MHz für Fahrzeug- und Mobilfunk und dem 2-Meter-Band zwischen 165 und 175 MHz für Hand- und Reichweiten-Funk. Beide Bänder arbeiteten in Schmalband-FM mit 20-kHz-Kanal-Raster und ohne nennenswerte Verschlüsselung. Geräte wie das FuG 7b der SEL- und Bosch-Linie prägten Jahrgänge von Einsatzfahrzeugen, das Hand-FuG 11b oder das spätere FuG 13 ergänzten den Funk-Trupp am Mann.
Sicherheits-Politisch wurde die fehlende Verschlüsselung schon in den 1980ern zum Streit-Punkt: Wer einen Scanner am Küchentisch hatte, hörte Einsatz-Gespräche mit. Mit der Innen-Minister-Konferenz und den ersten Digitalfunk-Pilot-Plänen Ende der 1990er begann die strukturelle Vorbereitung des Umstiegs.
BDBOS, EADS und der TETRA-Standard
2007 nahm die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben — kurz BDBOS — in Berlin ihre Arbeit auf. Sie bekam das Mandat, ein bundesweit einheitliches Digitalfunk-Netz aufzubauen und zu betreiben. Den Generalunternehmer-Auftrag erhielt ein Konsortium um EADS (später Cassidian, dann Airbus Defence and Space), das in Teilbereichen auf Selex und weitere Industrie-Partner zurückgriff.
Technisch fiel die Wahl auf TETRA — Terrestrial Trunked Radio — einen vom European Telecommunications Standards Institute seit 1995 standardisierten digitalen Bündelfunk. TETRA arbeitet im Frequenz-Bereich 380 bis 385 MHz für die Endgerät-Sendung und 390 bis 395 MHz für die Basisstation, mit 25-kHz-Kanal-Raster und vier Zeitschlitzen je Trägerfrequenz. Die Verschlüsselung erfolgt mit dem TEA-2-Algorithmus (Tetra Encryption Algorithm 2), der für Behörden in der Europäischen Union als Standard-Linie zugelassen ist. Der Standard liefert außerdem Direkt-Modus-Betrieb (DMO) für Funk-Verbindungen ohne Netz-Infrastruktur — eine Eigenschaft, die besonders im Brand-Inneren oder unter Tage relevant wird.
Die Migration in Etappen
Die Migration lief in regionalen Wellen. Der Pilot-Betrieb startete 2007 im Großraum Köln, gefolgt von Berlin und Brandenburg ab 2009. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zogen 2012 nach, Bayern und Baden-Württemberg gingen 2015 in den Voll-Betrieb. Schleswig-Holstein und Niedersachsen folgten 2020, Bremen und das Saarland 2023. Die letzten Lücken in einzelnen Bundesländern wurden bis 2025 geschlossen.
Jede Etappe hatte ihre eigenen Herausforderungen: In den Mittelgebirgs-Regionen ging es vor allem um Funk-Loch-Schließung mit zusätzlichen Basisstationen, in den dichten Metropolen um Versorgung in Tiefgaragen und U-Bahn-Tunneln. Parallel mussten Tausende Einsatz-Kräfte geschult, alte Analog-Geräte ausgemustert und neue Sprech-Gruppen-Schemata definiert werden. Die Sprech-Gruppen-Logik — Talk-Groups statt fester Kanäle — war für viele Anwender der größte mentale Sprung gegenüber dem analogen Vorgänger.
Die Endgerät-Landschaft
Drei Hersteller-Linien dominieren den deutschen BDBOS-Markt. Motorola Solutions liefert mit den Modellen MTP6650 und MTP6750 die in der Praxis am weitesten verbreiteten Hand-Funk-Geräte; sie kosten je nach Konfiguration und Zubehör rund 1200 Euro pro Stück und sind robust nach IP67 ausgelegt. Sepura aus Newbury in Großbritannien bringt mit der STP9000-Familie eine Alternative ins Spiel, die besonders in Süddeutschland verbreitet ist. Airbus DS schließlich besetzt mit dem THR9 die Hochsicherheits-Linie, die in besonders sensiblen Behörden-Bereichen zum Einsatz kommt.
Zur Bestands-Zahl: Ende 2025 zählt das BDBOS-Netz nach offiziellen Angaben rund 760.000 zugelassene Endgeräte und etwa 4.500 Basisstationen, womit es zu den größten geschlossenen Digitalfunk-Netzen weltweit gehört. Die Fahrzeug-Geräte mit höherer Ausgangsleistung von typisch 10 Watt arbeiten parallel zu den Hand-Geräten mit 1 bis 3 Watt, beide ergänzen sich im operativen Verbund.
Die TEA1-Debatte und ihre Folgen
2022 sorgte die niederländische Sicherheits-Firma Midnight Blue für Aufsehen, als sie strukturelle Schwächen im TEA1-Algorithmus offenlegte — einer abgeschwächten Variante, die für den Export außerhalb der EU vorgesehen ist und in Deutschland regulär nicht zum Einsatz kommt. Für den hiesigen BOS-Betrieb mit TEA-2 entstand kein unmittelbares Risiko, dennoch löste die Veröffentlichung eine fundierte Diskussion über Krypto-Transparenz und Audit-Mechanismen aus.
Daneben blieb eine weitere strukturelle Frage offen: die Gateway-Logik zwischen TETRA-Sprech-Gruppen und der noch verbliebenen Analog-Rest-Infrastruktur, etwa bei kleineren Hilfs-Organisationen oder bei der Anbindung historischer Leitstellen-Technik. In mehreren Bundesländern liefen entsprechende Übergangs-Lösungen bis weit in die Migration hinein.
Was nach TETRA kommt
Die TETRA-Architektur ist auf Sprach-Verkehr und kurze Daten-Pakete ausgelegt — Bild-Übertragung in Einsatz-Qualität, Video oder Bodycam-Streams überfordern den Standard schnell. Die BDBOS arbeitet deshalb gemeinsam mit den Mobilfunk-Netzbetreibern an Mission-Critical-Push-to-Talk auf 5G-Basis (MCPTT nach 3GPP-Standard), das als die Post-2030-Linie gedacht ist. Erste Pilot-Strecken in ausgewählten Bundesländern sind in Vorbereitung, die strukturelle Ablöse des TETRA-Netzes ist jedoch ein Projekt für die 2030er Jahre.
Bis dahin trägt das jetzt fertig migrierte TETRA-Netz die operative Last — vom Streifenwagen in Schleswig bis zum Rettungs-Hubschrauber im Allgäu. Die analoge Ära mit ihren FuG-7b-Klassikern endet damit endgültig im operativen Dienst und wandert in die Hände von Sammlern, Museums-Funkern und Funk-Geschichts-Vereinen.
Was die Praxis im Einsatz-Alltag verändert hat
Jenseits der reinen Technik-Geschichte hat die TETRA-Welle die operative Choreografie spürbar umgeschrieben. Wo früher ein fester Kanal pro Wache, pro Schicht oder pro Einsatz-Mittel galt, organisiert TETRA den Funkverkehr in dynamisch zugewiesenen Sprech-Gruppen. Eine Streifenbesatzung schaltet sich in die Tages-Gruppe ihrer Inspektion, ein Rettungs-Wagen in die Bezirks-Gruppe seines Leitstellen-Bereichs, ein Löschzug in die Einsatz-Stellen-Gruppe, die die Leitstelle für einen konkreten Brand aufmacht. Das hat den Funkverkehr im Tagesbetrieb deutlich entzerrt, weil parallel laufende Einsätze sich nicht mehr auf demselben Kanal überlagern.
Die Direkt-Modus-Funktion (DMO) hat sich vor allem in zwei Lagen bewährt: einerseits unter Tage in U-Bahn-Schächten und großen Industrie-Komplexen, wo die Netz-Versorgung naturgemäß lückenhaft ist; andererseits bei Großschadens-Lagen, wenn die örtliche Basisstation überlastet ist und die Trupp-Kommunikation am Schadens-Platz lokal abgewickelt werden muss. Im DMO-Modus arbeiten die Endgeräte praktisch wie analoges Direkt-Funk, allerdings mit der gesamten TETRA-Verschlüsselung und der bekannten Sprech-Gruppen-Logik.
Daten-Dienste am Rand des Standards
Obwohl TETRA primär als Sprach-Funk konzipiert ist, kennt der Standard schmalbandige Daten-Dienste: Statusmeldungen mit vordefinierten Codes (etwa „auf Anfahrt”, „am Einsatz-Ort”, „transportiert ins Krankenhaus”), Kurz-Texte im SDS-Format (Short Data Service, ähnlich SMS) und einfache Positions-Übermittlung mit GPS-Koordinaten. In der Praxis hat sich das Status-System als verlässliches Werkzeug für die Disposition etabliert — eine Streifen-Besatzung quittiert den Einsatz-Auftrag mit einem Tastendruck, die Leitstelle sieht den Status sofort in der Einsatz-Leit-Software.
Für höher-volumige Daten — Bild-Übertragung, Bodycam-Streams, Karten-Material — reicht die TETRA-Bandbreite jedoch nicht. Hier behelfen sich die Behörden seit Jahren mit ergänzenden Mobilfunk-Verbindungen über kommerzielle Tarife mit Priorisierung. Genau diese Lücke soll die geplante Mission-Critical-Push-to-Talk-Architektur auf 5G-Basis schließen — bei vollem Erhalt der TETRA-Sprach-Logik in der Übergangs-Phase.